Marokko Reisebericht

Marokko – ein Land das für mich in den letzten beiden Jahren bereits drei Mal das Ziel meines Winterurlaubs war. Ein Land, das uns, obwohl geographisch relativ nah, doch kulturell so fern liegt. Ein Land, das als Geheimtipp für Golfer, als Abenteuer für Wintersportler und Wüstengänger und Winterlager für Surfer gilt. Surfen – Diese Leidenschaft ist der Grund, weshalb es mich dieses Jahr zum dritten Mal an die marokkanische Atlantikküste verschlagen hat.

PalmtreeSilhouetten von Palmen und einer alten Fabrikruine in Marokko.

Genaugenommen haben mich verschiedene Kombinationen aus Auto-, Zug-, Busfahrten und Flügen nach Marokko, oder genauer nach Taghazout, bewegt. Warum diese verschiedenen Kombinationen? Nun ja, man lernt bei jeder Reise dazu. Beim ersten Mal hat mich eine irische Billigairline von Frankfurt Hahn aus nach Marrakesch gebracht. Danach ging es noch drei lange Stunden mit an der Rückenlehne des Vordersitzes scheuernden Knien mit dem luxuriösen Reisebus weiter nach Agadir und dann noch mal 45 Minuten mit dem Taxi. Das nächste Mal war dieselbe Fluggesellschaft mit den augenkrebserregenden gelben Rückenlehnen in ihren Fliegern der Dienstleister, allerdings von Düsseldorf Weeze aus nach Agadir. Dadurch konnte ich mir die Busfahrt sparen und musste nur noch die dreiviertel Stunde mit dem Taxi weiter. Wusstet ihr eigentlich, dass Hahn und Weeze ungefähr so nah an den beiden vorgenannten großen Städten liegen wie die spanische Exklave Melilla am spanischen Festland? Dieses Mal nun wollte ich es luxuriös haben. Ein Flug ab Stuttgart nach Agadir über Las Palmas (Gran Canaria). Nicht mit den Iren, nein dieses Mal gab es Essen und Trinken inklusive. Dafür musste ich dann aber auch einen nicht geplanten vierstündigen Aufenthalt im Flughafen von Las Palmas in Kauf nehmen. Aber hey, am Abend stand noch ein Surf an, mitsamt Sonnenuntergang.

Fishing boatsFischerboote im Sonnenuntergang nach einem Regenschauer, Januar 2012 in Marokko.

Manch eine und manch einer könnte sich jetzt fragen: Warum zum Teufel tut man sich das an? Oder: Wie kommt man auf Marokko als Reiseziel? Eigentlich ist das relativ einfach zu erklären. Marokko ist nicht allzu weit entfernt, es ist günstig und vor allem: es ist warm. Aber mich faszinieren besonders die vielen Gegensätze, die es in der konstitutionellen Monarchie des Königreichs Marokko gibt. Während viele bei Afrika an Wüste, Giraffen und Löwen denken, hat das am nordwestlichen Ende des Kontinents gelegene, relativ kleine Land extrem viel Abwechslung zu bieten. Mit dem Atlas Gebirge und dem höchsten Berg Nordafrikas (Jabal Toubkal, 4167 m), der Westsahara im Südwesten, der Hochebene um Marrakesch und den Stränden an Mittelmeer und Atlantik bietet Marokko eine große Bandbreite an Klimazonen mit eigener Flora und Fauna. 

Doch nicht nur klimatisch und geologisch zeigen sich Gegensätze. Auch in der Kultur, die stark durch die islamische Staatsreligion geprägt ist – immerhin fast 99% der Bevölkerung gehört dem muslimischen Glauben an – sieht man die Widersprüche. So ist das einige Kilometer nördlich von Agadir gelegene Fischerdorf Taghazout, in dem ich in den letzten drei Wintern insgesamt fast fünf Wochen verbracht habe, zwar ein sogenanntes „dry town“, also ein Dorf, in dem es keinen Alkohol zu kaufen gibt. Alkoholkonsum ist jedoch nicht verboten und es gibt, so wurde uns erzählt, einen florierenden Schwarzmarkt unter den einheimischen Jugendlichen, die vor allem in den Restaurants, Hotels und als Surflehrer arbeiten. Ein anderer Indikator, der die Wiedersprüche im Bereich Wohlstand anzeigt: Autos. Auf meiner Taxifahrt vom Flughafen in Agadir nach Taghazout habe ich ein paar Porsche Cayenne, einige neuere Landrover, BMWs und Mercedes gesehen. Aber auch uralte Ford Pickups, noch ältere E-Klassen und fast genau so alte Minivans von allen Herstellern, die es gibt und gab. Apropos E-Klasse: die Taxifahrer sind enorm stolz auf ihre E-Klassen. Auch wenn man sich nicht mehr anschnallen kann, die Rückbank noch durchgesessener ist als das Sofa bei Großmüttern, sämtliche Lüftungslöcher verstopft sind – vornehmlich mit dunklen Holzkugeln mit goldenem Mercedes Stern – und der Tacho ziemlich oft nicht mehr so funktioniert, wie er sollte. 

LonelyEin Mann läuft einsam in der Nähe des Surfspots "Hashpoint" über den Strand.

Wo ich gerade von meiner Taxifahrt spreche: Mein Taxifahrer und ich hatten vollkommen unterschiedliche Interessen. Nachdem ich um drei Uhr morgens aufgestanden war, um an den Flughafen zu kommen, einen Flug nach Las Palmas, nicht enden wollende Stunden auf dem Gran Canarischen Flughafen und einen Flug nach Agadir mit anschließendem Warten auf mein Gepäck hinter mir hatte und nur in Ruhe fahren und anschließend ins Wasser wollte, war mein Fahrer ganz begierig sich mit mir über Politik, die Deutschen und die Franzosen unterhalten. Auf Französisch, dessen ich selbst unter besten Umständen nur mit Unterstützung von Händen und Füßen mächtig bin. Abschließend hat er mir noch gesagt, dass er uns Deutsche wirklich sehr schätze, aber es völlig falsch sei, wie wir das mit unseren Frauen machen. „Frauen und Arbeit“, so mein Taxifahrer, „das gehört nicht zusammen. Und Scheidung – Allah bewahre – sowieso nicht!“ Solche Gespräche erlebt man nur in einem Land, in dem man morgens vor Sonnenaufgang vom Muezzin geweckt wird und dann beim Frühstück jamaikanischen Reggea aus dem MP3-Player eines Mitarbeiters des Guesthouses hört.

Bereut habe ich bisher trotzdem noch keinen der drei Trips, die ich unternommen habe. Die Menschen sind im Großen und Ganzen sehr herzlich. Kommt man zum wiederholten Mal, wird man sobald man aus dem Taxi aussteigt, mit einer Umarmung und einem „Ah, mein Freund. Alles gut?“, begrüßt, als wäre man nur ein paar Tage weg gewesen. Diese Gastfreundschaft äußert sich auch beim Essen. Ich hatte das Glück nach einem Surftrip an einem Strand etwas weiter im Norden zum Essen in das Haus der Familie des hauseigenen Surflehrers Omar eingeladen zu werden. Das Heimatdorf von ihm, Tamri, liegt auf einem Berg, welcher nach dem Surfen erst noch bezwungen werden musste. Bezwungen deshalb, weil ich nicht gedacht hätte, dass unser Miet-Fiat den Anstieg über einen ziemlich maroden Feldweg, mit drei Passagieren, drei Surfbrettern und einem Bodyboard heil überstehen würde. Den Weg vor uns konnten wir nur in Kurven oder nach einem Schlagloch sehen. Das Festmahl, das uns dann erwartete, übertraf dann aber sämtliche Erwartungen. Zu fünft aßen wir Couscous von einem Wagenradgroßen, tiefen Teller und tranken frische Ziegenmilch. Dann kam der Nachtisch. Frisches, selbstgebackenes Fladenbrot mit hausgemachten Amlou, einer marokkanischen Spezialität aus Erdnüssen oder Mandeln, Honig und Arganöl. Dazu wird marokkanischer Whiskey, so wird der traditionelle Minztee auch genannt, getrunken. Dieser ist ein Aufguss aus grünem Tee mit marokkanischer Minze und recht viel Zucker – einfach lecker! 

FactoryVerfallene Fischfabrik an der Atlantikküste Marokkos.

Für mich der wichtigste Grund meine Winter in Marokko zu verbringen ist natürlich das Wellenreiten. Auch hier bietet das Land einen enormen Facettenreichtum. Mit dem Auto erreicht man innerhalb von 30 Minuten circa 15 Surfspots. Dabei ist für jeden, vom Anfänger bis zum Pro-Surfer, etwas dabei. Jeder Spot besticht dabei nicht nur durch seine Eignung zum Wellenreiten, sondern auch durch die Namensgebung. Schöne Beispiele sind „Hash Point“ direkt in Taghazout, „Anchor Point“ etwa 15 Minuten Fußmarsch nördlich davon oder „Killers“, weitere 15 Minuten die Küste entlang. Die Überlieferungen für die Namen bieten jeweils selbst schöne Geschichten. „Killers“ etwa, heißt so weil dort angeblich im Frühjahr immer mal wieder Orcas – also Killerwale – gesichtet werden, „Anchor Point“ liegt an einer ehemaligen spanischen Fischfabrik, die ihren Fang mit Hilfe mittels Ankern am Boden befestigten Netzen (sogenannte Almadraba) gemacht hat. „Hash Point“ hat, Erzählungen zufolge, seinen Namen daher, dass alle, die zu viel Hash geraucht haben, und es nicht mehr bis zum „Anchor“ schaffen, direkt am Fischereihafen im Dorf surfen gehen.

SurferLando, unser Gastgeber in Marokko, beim Surfen am späten Abend.

Und teilweise kann man nach dem Surf, zum Beispiel am Banana-Beach im Banana-Village Aourir noch auf den Suq, einen traditionellen marokkanischen Markt gehen. Dort erlebt man angenehmes: Berge von Bananen, Orangen, verschiedenem Gemüse und Gewürzen, ungewöhnliches, wie etwa vor-Ort-Schlachtungen von Hühnern mittels Sack und Messer, aber auch ekelhafteres (am Marktstand hängende Kuhköpfe, wahlweise mit oder ohne Fell).

SpicesGewürze auf dem Suq in Aurier, Marokko.

Um den Staub vom Markt abzuwaschen oder einem regnerischen Tag zu entgehen lohnt sich ein Besuch im Hammām, einem arabischen Dampfbad. Gegen ein kleines Eintrittsgeld bekommt der Besucher zwei Eimer und eine Schale um heißes und kaltes Wasser über seinen Körper zu schöpfen. Wem das nicht reicht, oder wer etwas mehr Luxus mag, kann sich auch von einem Bademeister reinigen lassen. Dabei wird eine Kreuzung aus Waschlappen und Stahlwolle mit ordentlich Druck über den ganzen Körper gerubbelt. Ich habe mich danach gefühlt, als hätte mir jemand mit Gewalt die obere Hautschicht abgeschält. Auf die angebotene Massage habe ich dann dankend verzichtet – besonders nach dem ich gesehen habe, was Massage dort bedeutet.

Palm treesPalmen im Paradise Valley, Marokko.

Für flache Tage, also solche an denen die Wellen zu nichts taugen, bietet sich ein Besuch im Paradise Valley an. Das Tal befindet sich im Hinterland, etwa eine dreiviertel Stunde von Taghazout entfernt, und wurde in den Siebzigern durch deutsche Hippies bekannt. Heute befinden sich dort ein paar kleinere Campingplätze sowie ein kleines Café ohne Strom und fließendes Wasser. Allerdings kann man dort nicht nur wandern, sondern auch Klippenspringen und Wasserläufe, die sich über Jahrtausende ihren Weg über den Sandstein gespült haben, entlang rutschen. Gerade im Frühjahr, wenn der Schnee in den Bergen schmilzt und viel Frischwasser in die Bassins fließt, lohnt sich ein Besuch.

Taghazout NightsEin Panorama des kleinen Dorfes Taghazout, Marokko.

Nach all der Action lässt man den Abend auf der Dachterrasse bei einem Glas marokkanischem Minztee und einer Tajine vom Kohlegrill ausklingen und erzählt von seinem Tag auf dem Golfplatz, dem Suq oder in den Wellen.

Marokko, wir sehen uns im nächsten Winter!